Der Prinz und der Zauberer

ein Märchen

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Zauberer. Der lebte in einer Höhle in einem riesigen, alten Baum und verstand die Sprache der Pflanzen, der Tiere, der Gewässer, der Felsen und des Windes. Und er besaß einen Zauberstab, mit dem er Menschen in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandeln konnte und auch wieder zurück, mit dem er Steine in Gold verwandeln konnte, und mit dem sich alles herbeizaubern ließ, was der Zauberer wollte, wenn er den Stab dreimal auf und ab bewegte und dabei einen Zauberspruch murmelte.

Die Wohnung des Zauberers, der mächtige, alte Baum, befand sich tief in einem Wald, der zum Reich eines Königs gehörte. Der König hatte einen Sohn, von dem er nicht viel hielt, und dem er nicht recht zutraute, einmal sein Königreich übernehmen zu können. Schon als Kind hatte der Königssohn lieber gelesen, statt mit den Söhnen der Adligen vom Hofstaat irgendwelche sportlichen Wettkämpfe auszutragen. Als Jugendlicher musizierte er viel lieber, als fechten zu lernen, und als er dann ein junger Mann war und ein höherer Offizier im Heer des Königs werden musste, versagte er kläglich.

Der König rief ihn eines Tages zu sich und sprach zu ihm:“Mein Sohn, du bist mein einziges Kind und sollst einmal mein Königreich regieren. Aber ich sehe da ausgesprochen schwarz. Du musizierst lieber statt zu kämpfen, du liest Gedichte, statt dich mit Büchern über die Kunst der Kriegsführung vertraut zu machen, ja, ich habe mir sagen lassen, du schreibst sogar Gedichte. Und du bist unfähig, ein Heer zu führen. Wie willst du da unser Königreich und unsere Untertanen verteidigen? Wie willst du unser Königreich noch größer und mächtiger und ruhmreicher machen? Und wie willst du eine standesgemäße Frau finden, die du heiraten und zur Königin machen kannst? Wie willst du unsere Staatskasse sanieren? Mit Musizieren und Dichten kommt man nicht weit. Einen Schwächling wie dich will keiner. Du bist ein Taugenichts, ein Tunichtgut. Ich werde dich enterben und deinen Cousin Kunibert an deine Stelle setzen.

Aber ich gebe dir noch eine Chance. Zieh in die Welt hinaus und werde ein richtiger Mann. Wenn du nach einem Jahr mit einer standesgemäßen Frau und großem Reichtum zurückkehrst, werde ich abdanken, und du wirst neuer König. Findest du keine standesgemäße Frau und keinen Reichtum, kannst du gleich wegbleiben. In einem Jahr werde ich so oder so abdanken. Dann wird der wackere Kunibert mein Nachfolger. Nun geh und streng dich an!“

Betrübt ging der Prinz nach dieser Ansprache in seine Kammer. Er packte ein Bündel mit seinen Sachen, wobei er seine Flöte, einige Gedichtbände und Papier und Schreibzeug nicht vergaß, und dann verließ er das Schloss seines Vaters.

Er ging ohne ein rechtes Ziel und gelangte in den Wald, in dem der Zauberer wohnte. Es war Frühling, die Bäume und Büsche hatten hellgrüne Knospen, einige trugen erste Blüten, und auf den Lichtungen blühten Primeln und Narzissen. Aber der Prinz konnte sich an dem Naturschauspiel nicht erfreuen. Er ging immer tiefer in den Wald hinein, und gegen Abend, als er müde wurde, setzte er sich unter einen Baum und holte seine Flöte hervor. Es wurde immer dunkler um ihn herum, er hatte Hunger und keinen Proviant, und er war traurig. Deshalb spielte er auf seiner Flöte, um die Traurigkeit zu vertreiben.

Auf einmal trat zwischen den Bäumen um ihn herum eine Gestalt hervor, die sich auf den Boden setzte und ihm lauschte. Als er geendet hatte, applaudierte die Gestalt, es war der alte Zauberer, und fragte:“Wo hast du so schön Flöte spielen gelernt?“ Der Prinz erschrak ein wenig, denn er hatte den Alten zunächst nicht bemerkt, doch dann fasste er Zutrauen und erzählte seine Geschichte.

„Ich kann dir helfen“, sagte der Zauberer. „Ich bin ein Zauberer und wohne hier im Wald in einem Baum. Mit meinem Zauberstab kann ich dir eine ganze Kutschenladung mit standesgemäßen Prinzessinnen herbeischaffen. Und ich kann dir eine Kutsche mit Truhen voller Gold herbeizaubern. Aber du musst dir überlegen, ob du das überhaupt willst. Standesgemäße Prinzessinnen können sehr unangenehm werden. Und Gold, nur um deinem Vater zu Willen zu sein, kann eine große Belastung werden. Er wird sicher erwarten, dass du damit Kriege finanzierst, um das Reich zu vergrößern. Willst du das? Ich an deiner Stelle würde mich nicht mit so einem Blödsinn wie Kriegsführung befassen. Du kannst bei mir in die Lehre gehen. Ich werde dir beibringen, wie man Tiere, Pflanzen, Steine und den Wind versteht und mit ihnen spricht. Und ich kann dir beibringen, wie man zaubert.

Im Übrigen merke ich, dass du großen Hunger hast. Komm zu mir zum Abendessen. Dann wirst du auch meine Tochter kennenlernen.“

Der Zauberer führte den Prinzen zu dem alten Baum, in dem er wohnte. Sie setzten sich unter seine ausladenden Äste, und die Tochter des Zauberers, ein wunderschönes Mädchen, tischte Brot und Wein und selbst gefangene Fische auf. Nach dem Essen spielte der Prinz Stücke auf seiner Flöte und las einige seiner Gedichte vor. Der Zauberer und seine Tochter lauschten begeistert. Irgendwann verschwand der Alte vor sich hin lächelnd in seinem Baum, um zu schlafen, und ließ die beiden jungen Leute allein.

So verging ein Jahr, und es wurde wieder Frühling. Der Prinz war bei dem Zauberer in die Lehre gegangen und konnte nun genau so gut zaubern wie der Meister selbst. Und er heiratete dessen schöne Tochter.

Dem König, seinem Vater, aber schickte er einen Brief. Er werde nicht mehr zurückkommen, sondern künftig im tiefen Wald leben mit seiner Frau, die keine standesgemäße Prinzessin sei, aber wunderschön, und die er liebe, und die ihn liebe. Und er werde zaubern. „Auf ein Königreich, verehrter König und Vater“, schrieb er, „und ruhmreiche Feldzüge lege ich keinen Wert. Seht zu, wie Ihr Eure Staatskasse saniert bekommt Und grüßt mir den wackeren Kunibert.“

Tja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie alle noch heute.