Felicitas bekommt ihre Ruhe

Felicitas lag auf dem Mäuerchen, das den Kräutergarten der Hexe Miranda umgab, und ließ sich die Sonne auf den schwarzen Pelz brennen. Sie schnurrte vor Behagen und räkelte sich von Zeit zu Zeit. Dann erschien auf der anderen Seite des Mäuerchens Pepino, der Kater des Bauern Pepe, dessen Hof an Mirandas Grundstück grenzte. Felicitas’ Behagen war weg. Pepino fauchte von weitem, und da er ein sehr dicker, großer, kräftiger Kater war, hielt Felicitas es für besser, das Weite zu suchen.

„Der Angeber“, dachte sie. Pepino war ein großer Jäger, und jeden Morgen legte er dem Bauern Pepe eine stattliche Anzahl von toten Ratten und Mäusen, die er nachts erlegt hatte, aufs Küchenfensterbrett.

„Was für einen tüchtigen Kater ich habe“, sagte Pepe stolz. „Er befreit mich von diesem Ungeziefer.“

Felicitas verzog das Maul bei diesen Gedanken. Ihre Aufgabe war es, abends zu der Hexe Miranda ins Bett zu kriechen und ihr den Rücken zu wärmen, denn die hatte es im Kreuz, und Felicitas’ warmes Fell tat ihr gut.

Miranda war gerade dabei, für eine junge Frau ein Amulett mit einem Liebeszauber herzustellen. Sie nahm getrocknete Kräuter, Liebstöckel, Vergissmeinnicht, Schlüsselblume und noch einige andere, und dann fügte sie aus einem Fläschchen, auf dem Belladonna stand, noch zwei Tropfen hinzu.

„Aber das ist ja Gift“, sagte die Kundin erschrocken. „Ich möchte nicht, dass jemandem ein Leid zugefügt wird.“

„Es sind ja nur zwei Tropfen“, meinte Miranda, eine homöopathische Dosis sozusagen. Sie sollen dafür sorgen, dass die Liebesgefühle deiner Konkurrentin für den Mann deines Herzens absterben, und seine für sie.“

Sie füllte Kräuter samt Belladonna in eine Kapsel, murmelte ein Sprüchlein und verschloss sie. „Das macht 160 €“; sagte sie und überreichte der jungen Frau die Kapsel. Die bezahlte und zog beglückt davon.

Nach einem Süppchen für sich und einer Schale Fleisch für Felicitas ging die Hexe ins Bett, und Felicitas legte sich an ihren Rücken.

Nachts schlich sich Pepino durch das Katzenloch in die Küche. Vielleicht gab es hier eine Maus oder er fand eine Möglichkeit, Felicitas zu ärgern. Dann sah er auf dem Küchentisch die Flasche mit dem Belladonna, die Miranda dort vergessen hatte. Bevor Pepino von Pepe aufgenommen worden war, war er an einer Schule Schulkater gewesen und konnte deshalb ein bisschen lesen. Aber eben nur ein bisschen. B, das könnte Baldrian sein, dachte er. Dieser wundervolle Geruch. Er kletterte an einem Tischbein hoch und stieß mit einer Pfote die Flasche vom Tisch. Sie fiel auf den Boden, zerbrach, und die Flüssigkeit ergoss sich über die Küchenfliesen. Das riecht aber gar nicht nach Baldrian, dachte Pepino, aber auch nicht schlecht. Er begann die Flüssigkeit auf zu lecken.

Dann merkte er, wie ihm schwindlig wurde, er fiel um, auf den Rücken, bekam Krämpfe, streckte die Pfoten gen Himmel, bekam einen glasigen Blick und war tot.

Am nächsten Morgen vermisste Bauer Pepe die Ratten und Mäuse auf seinem Fensterbrett, die Pepino dort sonst immer aufreihte.

Er suchte und rief überall nach ihm. Schließlich guckte er auch in Mirandas Küche und sah dort den toten Pepino liegen. „Mein Pepino!“, rief er und brach in Tränen aus. „Mein tüchtiger Kater, der so ein großartiger Jäger war. Alle Ratten und Mäuse hat er mir vom Leib gehalten. Und nun ist er tot! Das sollst du mir büßen, Miranda!“

„Was ist denn hier für ein Radau?“, fragte Miranda, die aufgestanden und in die Küche gekommen war. „Ach, Pepino hat von dem Belladonna probiert. Reg’ dich ab, Pepe! Pepino hat soviel Lebensenergie, der wird durch ein simples Sprüchlein wieder lebendig.“

Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf Pepino und sagte: „Simsalabim, Pepino, erwache wieder zum Leben!“

Und siehe da, Pepino bewegte die eine Pfote, die andere, nach einem Weilchen alle vier, drehte sich auf den Bauch, sprang schließlich auf und entwischte blitzschnell durch das Katzenloch nach draußen.

Von diesem Tag an hatte Felicitas Ruhe vor Pepino, wenn sie sich auf dem Mäuerchen sonnte, denn Pepino mied nun Haus und Garten der Kräuterhexe.