
Willibald war ein kleiner Drache, der zusammen mit seinen beiden Schwestern und seinen Eltern in einer recht großen Höhle wohnte. Die Höhle befand sich im Siebengebirge, im Drachenfels; das Eingangsloch lag auf der Seite des Berges, die nicht von den Touristenströmen heimgesucht wurde.
Willibald war fünf Jahre alt und wirklich noch sehr klein. Er konnte noch nicht Feuer speien und sich deshalb nicht gegen andere Drachenkinder wehren, die das schon konnten. „Das lernst du alles in der Drachenschule“, sagte sein Vater, der dort Lehrer war. „Wenn ich dir jetzt schon alles beibringe, wirst du dich in der Drachenschule langweilen. Dann passt du nicht mehr auf und versäumst auch Dinge, die du noch nicht weißt. Du würdest ein ganz schlechter Drachenschüler werden.“
Willibald überzeugte das nicht. Wenn du mir das nicht beibringst, dann eben jemand anders, dachte er und schlich sich in der Nacht von zuhause fort, um einen Lehrer zu finden, der ihm das Feuer- speien beibringen sollte.
Er wanderte vom Siebengebirge aus Richtung Norden, überquerte den Rhein und fand sich auf einmal auf dem Münsterplatz in Bonn wieder. Seit seinem Aufbruch von zuhause waren eine Nacht und fast ein Tag vergangen, und nun war es Abend, ein milder Sommerabend. Auf dem Münsterplatz flanierten Leute, und es traten allerhand Artisten auf. Es gab einen Pantomimen, der die Bewegungen der Vorbeigehenden nachahmte, es gab eine Ein-Mann-Kapelle, ein Straßenmusiker, der Flöte blies, auf dem Kopf eine Schelle trug, die er mittels einer Schnur von Zeit zu Zeit zum Tönen brachte, und auf dem Rücken eine Pauke hatte, deren Schlegel er mit einem Draht vom Fuß aus in Bewegung setzte. Und es gab einen Feuerschlucker. Der ist es doch, dachte der kleine Drache, als der Mann immer wieder Feuer spie. Er beobachtete den Feuerschlucker und war fasziniert von der großen Flamme, die der Mann in regelmäßigen Abständen ausstieß. Als es auf Mitternacht zuging und der Mann seine Sachen einsammelte, um sich irgendwo schlafen zu legen, trat der kleine Drache aus dem Schatten des Münsters hervor, von wo aus er den Feuerschlucker beobachtet hatte, und ging auf ihn zu.
„Hallo“, sagte er, „du kannst so schön Feuer speien. Kannst du mir das beibringen?“
Erstaunt sah der Feuerschlucker ihn an. „Wer bist du denn?“, fragte er erstaunt. „Du siehst ja aus wie ein kleines Krokodil in bunt.“
„Ich bin der kleine Drache Willibald.“
„Ein kleiner Drache, so so. Aber dann müsstest du doch Feuer speien können.“
„Ich bin erst fünf Jahre alt und kann noch nicht in die Drachenschule gehen, wo man das lernt. Mein Vater sagt, er will mir das nicht beibringen, weil ich sonst in der Drachenschule nicht mehr aufpasse und ein schlechter Schüler werde. Aber alle andern kleinen Drachen können schon Feuer speien und lachen über mich und ärgern mich.“
„Du kannst einem ja leid tun“, meinte der Feuerschlucker. „Aber weißt du, ich bin nicht der richtige Lehrer für dich. Mein Feuerspeien ist ein Trick, den ich dir jetzt auch gar nicht verraten will. Wenn die anderen kleinen Drachen spitzkriegen, dass du nur rumtrickst und doch nicht richtig Feuer speien kannst, lachen sie dich nur noch mehr aus.“
Dem kleinen Drachen kullerten die Tränen aus den Augen. „Wer kann es mir denn sonst beibringen?“, fragte er traurig.
„Weißt du was?“, sagte der Feuerschlucker. „Ich habe eine Idee. Geh runter an den Rhein. Rechts von der Brücke steht ein grüner Bauwagen, darin wohnt eine Hexe. Die weiß sicher Rat. Klopf an die Tür und sag, du kämst von Kasimir, dem Feuerschlucker. Viel Erfolg, mein Kleiner.“
Der kleine Drache machte sich im Dunkeln auf den Weg und fand irgendwann die Rheinbrücke und den Bauwagen. Durch die Türritze fiel noch ein Lichtschein. Willibald klopfte an , und die Tür tat sich auf. Drinnen stand eine ältere Frau in einer grün-schwarzen Kittelschürze und mit einem roten Kopftuch. Im Hintergrund dampfte auf einem kleinen Herd ein Topf.
„Wer bist denn du?“, fragte auch die Hexe erstaunt, und Willibald erzählte wieder seine Geschichte.
„Mein armer Kleiner“; sagte die Hexe. „Willst du etwas von meiner Suppe? Du hast sicher Hunger.“ Sie füllte etwas Flüssigkeit aus dem Topf vom Herd in eine Schale und gab sie dem kleinen Drachen. Willibald schlürfte gierig die Suppe und fühlte sich auf einmal sehr fröhlich.
„Ich werde dir helfen“, sagte die Hexe. „Leg dich jetzt erst mal dahinten auf das Kissen und schlaf. Du bist sicher müde. Und morgen bringe ich dich zu einem sehr alten, weisen Drachen. Er lebt in einer Tropfsteinhöhle im Sauerland, und er kann dir das Feuerspeien beibringen.“
Der kleine Drache Willibald schlief tief und fest und hatte dabei angenehme Träume. Am nächsten Morgen wachte er munter auf und war voller Tatendrang
„Pass auf“, sagte die Hexe, „zu Fuß ist es ein bisschen weit zu dem alten Drachen. Wir reisen mit meinem Hexenbesen .“
Sie holte aus einer Ecke einen Reisigbesen, verließ mit dem kleinen Drachen den Bauwagen und schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab. Dann stieg sie auf den Besen, setzte den kleinen Drachen vor sich, damit sie ihn festhalten konnte, und erhob sich in die Lüfte.
Nach anderthalb Stunden Flug sahen sie unter sich die Berge des Sauerlandes, und die Hexe hielt mit ihrem Besen auf einen davon zu. Sie landeten vor einem Höhleneingang, die Hexe rief etwas, und auf ein lautes Brummen hin, das aus der Höhle drang, traten sie ein.
Willibald zwinkerte etwas verwirrt mit den Augen. Das Innere der Höhle war prächtig. Bunte Zapfen hingen von der Decke herab und tropften auf ihre Gegenstücke auf dem Boden. Der kleine Drache kam sich vor wie in einem Palast. Die Hexe schritt voran, zwischen den Zapfen hindurch, und auf einmal standen sie vor einer Nische, in der ein großer, alter Drache auf einem Sofa lag und Pfeife rauchte.
„Grüß dich, Ludovic“, sagte die Hexe. „Immer dieser Rauch, in dieser schönen Umgebung. Stillos.“
„Du kommst ja trotzdem, Esmeralda“, sagte der alte Drache. „Was willst du denn diesmal?“
„Ich bringe dir hier den kleinen Willibald. Er muss unbedingt Feuerspeien lernen, sonst lachen ihn die anderen kleinen Drachen aus. Und ich weiß, dass du ihm das am besten beibringen kannst“
„Du weißt doch immer, wie du mich von meinem Sofa runterlotsen kannst, Esmeralda. Dann komm mal mit, Willibald. Draußen ist ein Plateau, da kann man wunderbar Feuerspeien üben.“
„Wer rastet, der rostet, Ludovic“, sagte die Hexe Esmeralda. „Ich hole Willibald in zwei Stunden wieder ab.“ Und damit schwang sie sich auf ihren Besen und flog davon.
Draußen auf dem Plateau unterwies Ludovic den kleinen Willibald im Feuerspeien.
„Du musst dein Maul weit aufreißen und ganz tief Luft holen. Ja, so, das ist schon sehr gut. Und nun musst du dir vorstellen, dass sich tief in deinem Bauch eine Reibefläche wie bei einer Streichholzschachtel und ein Zündholz befinden, die du mit deinem Atem gegeneinander reibst. So entsteht eine Flamme. Versuch es mal! Tiefer! Kräftiger! Ja! Siehst du, da kommt schon eine kleine Flamme. Und noch einmal! Feste!“
Aus Willibalds Maul kam eine größere Flamme. Er begann, Spaß an der Sache zu bekommen, atmete immer kräftiger und stieß immer größere Flammen aus.
„Du musst aufpassen, dass du nicht zuviel Feuer speist“, meinte Ludovic, „sonst zündest du nachher jemanden an, von dem du das gar nicht willst. Wir hören jetzt auf; du kannst Feuer speien. Da kommt ja auch schon Esmeralda.“
„Na, wie steht’s ?“, fragte Esmeralda, nachdem sie auf dem Plateau gelandet war,
„Er wird alle anderen kleinen Drachen schwer beeindrucken“, sagte Ludovic. „Doch jetzt flieg ihn nach Hause, Esmeralda. Dort macht man sich sicher Sorgen um ihn.“
Hinter dem Drachenfels tobten die kleinen Drachen umher.
„Hahaha, da ist der Willibald. Der wird in zehn Jahren noch nicht Feuer speien können.“
Willibald öffnete sein Maul weit und atmete tief ein. „Ffffff“, machte es, und eine gewaltige Flamme schoss daraus hervor.
„Huuuh“, riefen die andern kleinen Drachen, „der Willibald kann auf einmal Feuer speien!“, und verschwanden auf ihren grünen Plattfüßen schnell in einer Felsspalte.
Willibald ging in die Höhle seiner Familie. Der Vater las beim Schein einer Fackel die Drachenpost. Er sah auf und fragte: „Wo warst du, Willibald?“
„Ich war beim alten Ludovic. Er hat mir Feuer speien beigebracht. Jetzt ärgern mich die andern kleinen Drachen nicht mehr.“
„Die andern Drachen haben Respekt vor dir, weil du Feuer speien kannst? Wer hätte das gedacht?!“, sagte der Vater. „Zeig mal, was du kannst!“
Willibald sengte das Bücherregal des Vaters an. Es fiel in sich zusammen, und „ABC für Drachenschüler“, „Rechnen für kleine Drachen“ und „Drachenpädagogik“ lagen auf einmal auf dem Boden. Die „Drachenpädagogik“ kullerte davon, aus der Höhle hinaus, den Fels hinunter und landete mit einem lauten Platsch im Rhein.
„Meine ‚Drachenpädagogik‘ ist ins Wasser gefallen,“ meinte der Vater. „Na ja, sie war wohl eh veraltet.“