Sherlock Maus ermittelt

Sherlock und Melissa Maus wohnten in einem Mauseloch im Keller des Hauses Arlington Street Nr. 20. In einer Kiste daneben befand sich Sherlocks Büro. An der Bürotür stand:„ Sherlock Maus – Ermittlungen im Kleintiermilieu.“ Sherlock Maus war Privatdetektiv.

Heute schloss er wie immer nachmittags seine Bürotür auf. Er trug seinen braunkarierten Anzug, dessen Hosen ihm Melissa aufgebügelt hatte, und der hinten ein Loch für seinen Schwanz hatte, dazu seine braunkarierte Schirmmütze und seine braunen Salamander-Schnürschuhe, die er Lurchi abgekauft hatte, als die Schuhfirma Pleite gegangen war, und Lurchi sich in die Eifel zurückgezogen hatte.

Er hatte gerade die Utensilien auf seinem Schreibtisch geordnet, als es an die Tür klopfte und der erste Klient eintrat. Es war Freddie Hamster.

„Ich komme wegen der kleinen Prinzessin“, begann Freddie. „Ihr ist ein Ring gestohlen wurden, den ihr ihre Oma zur Kommunion geschenkt hat, und sie hat geweint.“

„Die kleine Prinzessin“ war Marie, die Tochter vom Ehepaar Miller, dem das Haus gehörte, und alle Tiere im Haus liebten sie und nannten sie „kleine Prinzessin“.

„Ist der Ring wertvoll?“, fragte Sherlock.

„Ziemlich“, sagte Freddie. „Vor allem aber funkelt und glitzert er in allen Farben. Genau was einem Kinderherzen Freude macht.“

„Es ist also ein Ring mit einem Edelstein?“

„Mehrere Edelsteine: ein Rubin, ein Smaragd, ein Saphir, ein Brillant, in der Mitte ein Opal; alle geschliffen, sodass sie funkeln, und in Gold gefasst.“

„Das muss ja ein tolles Ding sein“, sagte Sherlock. „Hatte denn jemand Gelegenheit, einzubrechen?“

„Eigentlich nicht.“

„Und wo hat sie ihn immer aufbewahrt?“

„Da war sie ein bisschen unvorsichtig. In einem Schälchen auf ihrer Kommode. Sie hat ihn jeden Tag voller Stolz getragen.“

„Gut, Freddie. Ich kenne das Zimmer von Marie, aber ich werde noch einmal mit Melissa vor Ort ermitteln. Du kennst mich. Du weißt, dass du bei mir in guten Händen bist.“

„Finde den Ring, Sherlock. Ich liebe die kleine Prinzessin und bin erst wieder froh, wenn sie nicht mehr traurig ist.“

„Wir lieben sie alle, Freddie“, sagte Sherlock und geleitete den Hamster hinaus.

Dann ordnete er seine Notizen und ging damit zu Melissa.

„Wir müssen in Maries Zimmer recherchieren“, meinte er zu ihr. „Am besten morgen Vormittag, wenn Marie in der Schule ist.“

Gesagt, getan. Am nächsten Vormittag schlichen Sherlock und Melissa in Maries Zimmer und sahen sich um. Das Fenster stand weit offen, aber für einen Menschen wäre es schwierig gewesen, an der Mauer hinauf in Maries Zimmer zu klettern.

„Und Mäuse oder Katzen stehlen keine Ringe“, sagte Melissa.

„Kombiniere, es war ein Vogel“, sagte Sherlock.

„Siehst du, da hinten in dem Baum ist ein Nest. Wir beobachten mal, wer sich da reinsetzt.“

Nach einer Weile kam ein Vogel angeflogen, dessen Gefieder im Sonnenlicht in Lila-, Grün-, und Dunkelblautönen metallisch glänzte, und setzte sich auf das Nest.

„Wer sagt’s denn, eine Elster. Die klauen doch alles, was nicht niet- und nagelfest ist und dabei glitzert. Kombiniere, die hat den Ring“, sagte Sherlock zu Melissa. „Jetzt müssen wir ihn nur noch da rausholen.“

Am Fenster tauchte auf einmal der Kopf von Emil Marder auf.

„Ich habe euer Gespräch gehört. Mir tut das kleine Mädchen auch sehr leid, und ich werde euch helfen. Ich werde die Elster verscheuchen; vor mir hat sie Angst. Dann könnt ihr in aller Ruhe das Nest durchsuchen und den Ring herausholen.“

Emil Marder kroch an dem Baum hoch und fauchte, und die Elster suchte das Weite.

Sherlock und Melissa kletterten auch den Baum hinauf, in das Nest, und richtig, da lag der Ring und funkelte in der Sonne. Sherlock nahm ihn schnell ins Maul, und er und Melissa kehrten zurück in Maries Zimmer, wo sie den Ring in das kleine Schälchen auf der Kommode legten.

„Ja, ja, die diebische Elster. Altbekannt. Aber woher soll ein kleines Mädchen wie Marie das wissen?“, sagte Sherlock.

Melissa hatte die Idee, Maries Biologiebuch neben das Schälchen zu legen. Zu zweit bugsierten sie es aus dem Regal und legten es auf die Kommode, und sie schlugen die Seite mit dem Artikel über die Elster auf.

„Hoffentlich ist Marie in Zukunft vorsichtiger“, sagte Sherlock.

Und dann tauchte Freddie Hamster auf.

„Gute Arbeit geleistet, Sherlock. Jetzt ist die kleine Prinzessin wieder glücklich.“

(Für Johanna Sipinski und das Kind, dem sie immer vorliest)